Sagaliteratur
Der Beginn der isländischen Prosaliteratur
Im Jahr 1000 wurde auf dem isländischen Allthing offiziell
das Christentum als Religion für das ganze Land angenommen. Damit konnte
dort der Aufbau einer Kirchenorganisation beginnen. Da es anfangs natürlich
keine Einheimischen mit Priesterausbildung gab, kamen zunächst ausländische,
meist deutsche oder englische, Missionsbischöfe nach Island. Bald begannen
aber die mächtigen Familien, ihre Söhne zur Priesterausbildung ins
Ausland zu schicken. Ísleifr Gizurarson, der in Herford in Westfalen
zum Geistlichen geschult wurde, wurde 1056 zum ersten isländischen Bischof
geweiht. Sein Bischofsitz wurde Skálholt im Südwesten der Insel.
1106 wurde in Hólar im Norden ein zweiter Bischofsitz eingerichtet. 1133
entstand das erste Kloster Islands, Þingeyrar.
Mit der Kirche kam auch die europäische Schriftkultur auf die Insel. Zwar
war die Runenschrift dort bekannt, sie eignete sich aber kaum für die Abfassung
längerer Texte. Mit der Übernahme der lateinischen Schrift begann
im 12. Jahrhundert die isländische Literatur, die während des Mittelalters
enorme Ausmaße erreichen sollte. Warum ausgerechnet auf Island so viel
geschrieben wurde, ist nach wie vor ein Rätsel. Lag es vielleicht daran,
daß der Hauptrohstoff, das aus meist von Kälbern stammenden Tierhäuten
hergestellte Pergament, dort besonders reichlich zur Verfügung stand?
Die ersten Texte wurden auf Latein verfaßt, der offiziellen Kirchensprache,
die in der gesamten katholischen Welt verwendet wurde. Sehr früh begann
man aber für Schrifterzeugnisse die eigene Sprache zu verwenden und stellte
erstaunlich fortschrittliche Überlegungen dazu an, wie diese schriftlich
umzusetzen sei - etwa in dem berühmten "Ersten grammatischen Traktat".
Viele frühe Texte waren Übersetzungen europäischer Kirchenliteratur
und Heiligenlegenden. Ari Þorgilsson verfaßte um 1125 auf Isländisch
die Íslendingabók, ein Buch über die Geschichte Islands von
der Landnahmezeit (ab 870) bis zum Jahr 1118. Es wurde später oft als Quelle
für andere Werke benutzt.
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden die ersten sogenannten Sagas verfaßt.
Der isländische Begriff saga (Plural sögur) steht normalerweise
für eine einigermaßen umfangreiche Prosaerzählung. Kürzere
Geschichten, die oft in andere Erzählungen eingeflochten sind, werden als
þættir (Singular þáttr) bezeichnet. Man
hat versucht, die zahlreichen und inhaltlich oft sehr unterschiedlichen Sagas
in verschiedene Genres einzuteilen. Dies ist hilfreich, um einen Überblick
zu gewinnen, aber bei vielen Werken ist es schwierig, sie in eine bestimmte
Kategorie einzuordnen.
Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Sagagattungen andhand von einigen Beispielen kurz vorgestellt werden:
Bischofsagas (Biskupa sögur)
Einige der ersten Sagas handelten von den isländischen Bischöfen.
Nach dem Vorbild europäischer Heiligenlegenden schrieb man Lebensgeschichte
und angebliche Wundertaten Jón Ögmundarsons (1052-1121), Þorlakr
Þórhallsons (1133-1193) und Guðmundr Arasons (1161-1237) nieder
- zunächst auf Latein, um die Kirche von der Heiligkeit dieser Bischöfe
überzeugen zu können, wenig später auch auf Isländisch.
Allerdings hatte man damit wenig Erfolg. Zwar sprach das Allthing 1199 Þorlák
und nur ein Jahr später Jón heilig, aber seit den 1170er Jahren
beanspruche der Papst das alleinige Recht, Heilige zu kanonisieren. Rom bestätigte
nie offiziell den Heiligenstatus dieser Bischöfe - was ihrer Popularität
aber keinen Abbruch tat.
Neben den genannten Bischofsagas, die man im Prinzip als Heiligenlegenden betrachten
kann, gibt es auch solche, die zwar von Bischöfen handeln, aber mehr zur
Geschichtsschreibung zu rechnen sind. Die Kristni saga handelt von der Christianisierung
Islands und der frühen Kirchenorganisation. Unter anderem enthält
sie eine berühmte Schilderung der Vorgänge auf dem Allthing im Jahr
1000. Hungrvaka ("Hungerweckerin") ist eine Geschichte der ersten
fünf Bischöfe in Skálholt - der Titel drückt aus, daß
sie Appetit auf weitere Bischofsgeschichten hervorrufen soll. Páls saga,
Árna saga und Laurentius saga sind Bischofsbiographien, die als wichtige
historische Quellen über das Leben auf Island im Mittelalter und die Beziehungen
zu Norwegen gewertet werden.
Gegenwartssagas (Samtiðarsögur)
Island war von Gründung des Allthings im Jahr 930 an ein Freistaat ohne
König. Die Macht war auf verschiedene Familien verteilt. Nach der Christianisierung
hatten neben den weltlichen Häuptlingen die Bischöfe wichtige Machtpositionen.
Obwohl Island sehr abgelegen liegt, gab es schon früh Anzeichen dafür,
daß die norwegischen Könige versuchten, es ihrem Herrschaftsgebiet
hinzuzufügen. Bereits die Annahme des Christentums geschah vor dem Hintergrund
von Drohungen von Seiten des Königs Óláfr Tryggvason. Óláfr
Haraldsson ("der Heilige") forderte die Isländer - erfolglos
- auf, sich ihm zu unterwerfen oder ihm zumindest eine kleine, zu Island gehörende
Insel zu schenken. Diese hätte er als Angriffsbasis benutzen können.
Im 13. Jahrhundert kam es auf Island selbst zu heftigen Machtkämpfen, einerseits
zwischen verschiedenen Häuptlingsgeschlechtern, andererseits zwischen Häuptlingen
und Bischöfen. Gleichzeitig versuchte der norwegische König Hákon
Hákonarson, Island unter die norwegische Krone zu bringen, was ihm 1262
gelang. Nach dem dominierenden Geschlecht wird die Zeit zwischen ca. 1220 und
1262 auch Sturlungenzeit genannt. Die Ermordung Snorri Sturlusons im Jahr 1241,
des Verfassers von Prosa-Edda, Heimskringla und wahrscheinlich Egils saga, war
ein Höhepunkt in diesen Machtkämpfen. Sie geschah auf Befehl König
Hákons durch Gizurr Þorvaldsson. Gizurr war es auch, der schließlich
durchsetzte, daß ganz Island die Oberhoheit des norwegischen Königs
anerkannte.
Über die Ereignisse dieser bürgerkriegsähnlichen Zeit wurden
einige Sagas verfaßt, die in der sogenannten Sturlunga saga gesammelt
sind. Da die Niederschrift sehr nah an dem Geschehenen liegt und teils durch
Augenzeugen geschah (daher der Begriff "Gegenwartssagas"), wird diesen
Sagas ein hoher historischer Wert beigemessen. Als wichtigstes Werk wird die
Íslendinga saga Sturla Þórðarsons, eines Neffen Snorri
Sturlusons, betrachtet.
Isländersagas (Íslendinga sögur)
Die bekannteste Gattung der Sagaliteratur ist sicherlich die der Isländersagas.
Diese werden manchmal auch als Familien- bzw. Geschlechtssagas bezeichnet. Viele
dieser Werke wurden im 13. Jahrhundert, einige aber erst später, verfaßt.
Sie handeln in der Regel von der Zeit vom Beginn der Besiedlung Islands, der
sogenannten Landnahmezeit (870-930), bis etwa 1050. Die Hauptpersonen sind Isländer
und meist spielt ein Großteil der Handlung auf Island. Von keiner dieser
Sagas ist der Verfasser bekannt, auch wenn es in einigen Fällen Spekulationen
gibt.
Ein der bekanntesten Isländersagas ist die Egils saga Skallagrímssonar.
Sie berichtet zunächst von Egils Großvater Kveldúlfr ("Abendwolf")
und dessen Söhnen Skallagrím ("Glatzengrim") und Þórolfr.
Der norwegische König Harald hárfagri ("Schönhaar")
läßt Þórolfr aufgrund von Verleumdungen gegen diesen
umbringen, woraufhin dessen Vater und Bruder mit dem König in Konflikt
geraten und nach Island auswandern. Der zweite Teil der Saga beschäftigt
sich mit Skallagríms Sohn Egil und dessen Reisen - er kommt unter anderem
zum englischen König und wird von diesem hoch geehrt. Auch der häßliche
Egil, der sowohl Skalde als auch Krieger ist, bekommt Schwierigkeiten mit den
norwegischen Herrschern, vor allem mit Eirík blóðøxr
("Blutaxt"), für den er als Gefangener angesichts der drohenden
Hinrichtung das berühmte Skaldengedicht Höfuðlausn ("Haupteslösung")
verfaßt, woraufhin Eirík ihn frei lassen muß. Egil stirbt
im hohen Alter auf Island. Man hat unter anderem durch umfangreiche Wortschatzvergleiche
versucht nachzuweisen, daß Snorri Sturluson der Verfasser der Egils saga
sei.
Die Njáls saga ist die umfangreichste Isländersaga und berühmt-berüchtigt
aufgrund der etwa 600 in ihr vorkommenden Personennamen. Ein anfangs eher unbedeutender
Streit zwischen der Frau Gunnars von Hliðarendi, Hallgerður, und Bergþóra,
der Frau Njáls, steigert sich nach und nach so, daß Totschläge
zwischen den beiden Familien verübt werden. Dies führt als erster
Höhepunkt zum Tod des tapferen Gunnar und dann zur Verbrennung Njáls
mitsamt seiner Söhne in ihrem Haus. Erst danach gelingt es, den Kreislauf
der Rache zu beenden.
Die Laxdla saga behandelt das Schicksal einer isländischen Familie
über acht Generationen hinweg. Im Zentrum steht die Geschichte von Gudrun,
die mehrmals verheiratet wird, aber den, den sie eigentlich liebt, Kjartan,
nicht bekommen kann. Sie bewirkt daher durch Intrigen, daß Bolli, Kjartans
Blutbruder und ihr Ehemann, Kjartan tötet.
Gisla saga Súrssonar ist eine tragische Geschichte über einen blutigen
Konflikt innerhalb einer Familie. Gisli, der Titelheld, wird geächtet und
lebt lange in der Verbannung, bis er schließlich von Rächern gefunden
und nach heldenhaftem Kampf getötet wird.
Eyrbyggja saga handelt von der Besiedlungsgeschichte einer Gegend in Westisland;
eine der Hauptfiguren ist der Gode Snorri. Die Saga enthält auffällig
viele Beschreibungen übernatürlicher Ereignisse, der vorchristlichen
Religion und von Zauberei.
Grettir, Titelheld der Grettis saga, gilt als einer der stärksten isländischen
Männer, wird allerdings vom Pech verfolgt. Sein Niedergang beginnt mit
dem Sieg über den Untoten Glámr, der Grettir verflucht. Grettir
verübt mehrere Totschläge, was schließlich zu seiner Ächtung
führt. Er schafft es, zwanzig Jahre lang in der Verbannung zu überleben
- länger als irgendein anderer Mensch - kommt aber letzten Endes durch
einen von einer alten Hexe ausgeführten Runenzauber zu Tode.
Die Isländersagas spielen zwar größtenteils in der Wikingerzeit
und haben historische Personen als Hauptfiguren. Allerdings sollte man nicht
vergessen, daß sie mehrere hundert Jahre danach aufgeschrieben wurden.
Man kann sie vielleicht am besten mit heutigen "historischen Romanen"
vergleichen: Nicht alles darin ist historisch falsch, aber sie spiegeln immer
zu einem Teil auch ihre eigene Entstehungszeit.
Königsagas (Konunga sögur)
Auf Island und auch in Norwegen wurde schon früh damit begonnen, Geschichten
der norwegischen Könige zu schreiben. Die ältesten dieser Werke sind
allerdings nicht erhalten. Am bekanntesten ist Snorri Sturlusons Heimskringla
("Weltkreis"), eine Geschichte der norwegischen Könige von der
mythischen Vorzeit bis 1177. Snorri verwendete ältere schriftliche Vorlagen
sowie zahlreiche Skaldenstrophen als Quellen. Kernstück des umfangreichen
Werkes ist die Saga von Olaf dem Heiligen (König von 1016-30).
Die Orkneyinga saga wird zu den Königssagas gezählt, ist aber eigentlich
eine Geschichte der Jarle auf den heute zu Schottland gehörenden Orkneys.
Die Inseln wurden in der frühen Wikingerzeit von Norwegen aus besiedelt
und gerieten nach und nach unter die Herrschaft der norwegischen Könige.
Die Jómsvíkinga saga handelt von einem elitären Kriegerbund
zur Wikingerzeit, der tatsächlich existierte und seinen Sitz auf der Jómsburg
im heutigen Polen hatte. Sie ist allerdings stark literarisch geformt und kaum
als historische Quelle brauchbar, aber in jedem Fall sehr unterhaltsam: Der
dänische König Sven schafft es bei einem Gelage die betrunkenen Jómswikinger
zu einem Schwur, den norwegischen Jarl Hákon anzugreifen, zu bringen.
Wieder nüchtern bleibt ihnen nichts anderes übrig, als das Versprechen
einzuhalten, was zu ihrer Niederlage in der Schlacht am Hjörungavágr
(historisch 994) führt. Die wenigen Überlebenden werden auf einem
Baumstamm sitzend einer nach dem anderen hingerichtet, allerdings nicht ohne
ihre Todesverachtung vorher durch markige Sprüche zu beweisen.
Vorzeitsagas (Fornaldar sögur)
Als Vorzeitsagas wird eine recht uneinheitliche Gruppe von Sagas bezeichnet,
die größtenteils vor Beginn der Besiedlung Islands, also in einer
sozusagen "mystischen" Vorzeit, spielen. Sie wurden nach ihrem Inhalt
in verschiedene Unterkategorien - Heldensagas, Wikingersagas und Abenteuersagas
- eingeteilt.
Die bekannteste Heldensaga ist sicherlich die Völsunga saga. Sie ist größtenteils
eine Prosafassung alter Heldenlieder und handelt vom Geschlecht der Völsungen,
zu dem unter anderem der Drachentöter Sigurðr Fáfnisbani zählt.
Der Stoff der Völsunga saga hängt eng mit dem des mittelhochdeutschen
Nibelungenliedes zusammen, allerdings ist letzteres im Gegensatz zur Saga stark
höfisiert, also an die hochmittelalterliche Hofkultur angepaßt. Richard
Wagner hat die Saga als Grundlage für seinen Opernzyklus "Ring des
Nibelungen" verwendet, sie allerdings sehr frei interpretiert, weshalb
nur empfohlen werden kann, das Original zu lesen.
Leitmotiv der Hervarar saga ok Heiðreks konungs ist das fluchbeladene Schwert
Tyrfing, das über mehrere Generationen in einer Familie weitergereicht
wird. Die Saga basiert auf wesentlich älteren Heldenliedern und enthält
u.a. das berühmte Hunnenschlachtlied.
Die Gautreks saga besteht aus drei eigentlich nur lose zusammenhängenden
Episoden. Sie beginnt damit, daß König Gauti bei der Jagd im Wald
auf eine dort lebende seltsame Familie trifft, deren Mitglieder bis auf die
jüngste Tochter alle nach und nach Selbstmord begehen, weil sie nicht einen
noch so geringen Verlust ihres Eigentums (z.B. dadurch, daß Schnecken
über Goldbarren kriechen und diese dabei angeblich zerkratzen) ertragen
können. Gauti zeugt mit besagter jüngster Tochter seinen Sohn Gautrek,
der nach ihm König wird. Der zweite Abschnitt handelt von Starkaðr,
einem mythischen Helden der in der Gunst Odins steht, diesem aber dafür
seinen Ziehbruder König Víkarr opfern muß. Der letzte Abschnitt
handelt von Gjafa-Ref, einem scheinbar dummen Bauernsohn, dem aber durch kluge
Geschenkvergabe ein enormer sozialer Aufstieg gelingt.
Als Wikingersagas werden Vorzeitsagas bezeichnet, die eine
historische Person der Wikingerzeit als Hauptfigur haben, allerdings großzügig
mit der historischen Authentizität umgehen.
Einer der bekanntesten Wikinger war Ragnarr loðbrók, der in seiner
Saga u.a. als Drachentöter auftritt und - um an Ruhm seinen Söhnen
in nichts nachzustehen - mit lediglich zwei Schiffen nach England fährt,
wo ihn König Ella gefangen nimmt, in eine Schlangengrube werfen und dort
sterben läßt. Selbstverständlich rächen die Ragnarssöhne
ihren Vater.
Die Yngvars saga víðförla basiert auf einer historischen Begebenheit,
die durch zahlreiche schwedische Runensteine bezeugt ist. Auf diesen Steinen
wird der Teilnehmer einer von Yngvar geleiteten Fahrt nach Rußland gedacht,
die allesamt dort umkamen. Der Zweck der Reise, ob es ein Kriegszug, Entdeckungs-
oder Handelsfahrt war, ist unbekannt.
Daneben gibt es auch Sagas, die völlig jeglicher historischer
Grundlage entbehren. Solche reinen Fantasieprodukte werden manchmal als Abenteuersagas
bezeichnet.
Hierzu zählt u.a. die Göngu-Hrólfs saga, deren Titelheld nichts
außer den Namen ("Fußgänger-Rolf") mit dem historisch
bezeugten Wikingerführer gemeinsam hat, der 911 die Normandie als Lehen
bekam. Hrólfr, Sohn König Sturlaugs, hat seinen Beinamen deshalb,
weil er so groß und schwer ist, daß kein Pferd ihn längere
Zeit tragen kann. Als junger Mann zieht er von zu Hause fort und kommt zum dänischen
Jarl Þorgnyr, in dessen Gefolge er aufgenommen wird. Er erklärt sich
bereit, für den Jarl die schöne Prinzessin Ingigerðr aus Rußland
zu holen, wo diese von Landesbesetzern gefangen gehalten wird. Nach zahlreichen
überstandenen Schwierigkeiten gelingt ihm dies auch, allerdings muß
er kurz darauf ein zweites mal nach Rußland, um Ingigerðs Reich für
diese zurückzugewinnen. In einer gewaltigen Schlacht mit Einsatz von Magie
auf beiden Seiten werden die Besetzer besiegt, allerdings wird unterdessen Jarl
Þorgnyr zu Hause von Wikingern umgebracht. Somit kann nun Hrólfr
Ingigerð heiraten und König über deren Reich werden.
Rittersagas (Riddara sögur)
Im Hochmittelalter waren in ganz Europa französische und anglo-normannische
Gedichtstoffe beliebt und wurden häufig in die einheimische Sprache übertragen
und dabei oft nicht wenig umgeformt. Auch am norwegischen Königshof wurden
Werke, die z.B. dem Arthus-Stoffkreis zuzurechnen sind, ins Norwegische übersetzt.
So entstanden z.B. die Erex saga, die Parcevals saga und die Tristrams saga
ok Isöndar, eine tragische Liebesgeschichte. Interessant ist, daß,
obwohl die Originale in gedichteter Form vorlagen, diese wie selbstverständlich
in Prosa übertragen wurden, während teils dieselben Werke als Dichtung
ins Mittelhochdeutsche übersetzt wurden.
Bei manchen übersetzten Rittersagas ist die Vorlage nicht mehr erhalten,
so etwa im Fall der Flóvents saga. Diese handelt von Flóvent,
einem Neffen des römischen Kaisers Konstantin des Großen, der aufgrund
eines Totschlags vom Kaiserhof fliehen muß und über die Alpen zu
den von den Sachsen bedrängten Franken kommt (die hier allesamt Moslems
sind). Flóvent schafft es, die Sachsen zu besiegen, wird schließlich
selbst fränkischer König und macht die Franken zu Christen.
Neben den übersetzten Sagas gibt es auch sogenannte originale Rittersagas,
die sich zwar im Stil an die übersetzten anlehnen, aber ohne direkte Vorlage
entstanden sind. Kennzeichen solcher Sagas sind u.a. häufig wechselnde,
exotische Schauplätze, stereotype Handlungen und Charaktere, ein ausschmückender
Stil und das Vorkommen zahlloser magischer Gegenstände. Häufig ist
eine klare Abgrenzung zu den Vorzeitsagas nicht möglich.
Sagaübersetzungen
In der sogenannten "Sammlung Thule" erschienen von 1912 bis 1930 in
insgesamt 24 Bänden zahlreiche deutschsprachige Sagaübersetzungen,
vor allem Isländer- und Königssagas. Allerdings wurde hier oft stark
gekürzt und die Übersetzungen sind häufig sehr weit weg vom Originaltext.
Dies gilt insbesondere für die in Sagatexten eingeschobenen Skaldenstrophen,
da diese in Sammlung Thule nachgedichtet anstatt sinngemäß übersetzt
sind. Zwar wurde die "Sammlung Thule" in den 1960er Jahren unverändert
nachgedruckt, aber auch diese Auflage ist heute nur noch antiquarisch zu meist
überhöhten Preisen erhältlich.
Inzwischen gibt es die Reihe "Saga. Bibliothek der altnordischen Literatur",
in der bis einschließlich 2004 sieben Bände erschienen sind. Diese
Übersetzungen halten sich wesentlich näher an den Originaltext, sind
aber dennoch gut lesbar. Leider sind auch hiervon einige Bände bereits
nicht mehr im normalen Buchhandel verfügbar.
Daneben gibt es natürlich zahlreiche Einzelübersetzungen von Sagas.
Englische Übersetzungen sind oft als preislich günstige Taschenbuchausgaben
erhältlich und über die internetbasierte Buchversande inzwischen leicht
zu bekommen.
Hier einige von mir selbst aus dem Altnordischen übersetze Texte:
Egils saga einhenda (Die Saga vom einhändigen Egil)
Nornagests Þáttr (Die Geschichte vom Nornen-Gest)
Helga þáttr Þórissonar (Die Geschichte von Helgi Thorisson)
Þórarinn Nefjólfsson (Thorarin Nefjolfsson)
Auðunar þáttr vestfirzka (Die Geschichte von Audun aus den Westfjorden)
Styrbjarnar þáttr (Die Geschichte von Styrbjörn)
Völsa þáttr + Gauta
þáttr (Die Geschichte vom Völsi + die Geschichte von Gauti
aus der Gautreks saga)
| Eine preiswerte und verständlich geschriebene Einführung in die altnordische Literatur. | Rudolf Simeks Lexikon der altnordischen Literatur ist ein wichtiges Hilfsmittel, vor allem beim Skandinavistikstudium. Es bietet neben Kurzinfos auch Angaben zu Handschriften, Editionen, Übersetzungen und der wichtigsten Forschungsliteratur. |