Der Norna-Gests þáttr (Geschichte vom Nornen-Gest)
ist in der Flateyjarbók, einer umfangreichen isländischen Sammelhandschrift
aus dem 14. Jahrhundert, enthalten. Olaf Tryggvason, zu dessen Regierungszeit
die Handlung spielt, herrschte von 995-1000 n.Chr. über Norwegen und versuchte,
das größtenteils noch heidnische Land zum Christentum zu bekehren.
Die Geschichte basiert unter anderem auf dem Nibelungenstoff. Die enthaltenen
Strophen sind größtenteils mit geringfügigen Abweichungen auch
in der Liederedda überliefert, nämlich in den Liedern Reginsmál
und Helreið Brynhildar. Sie wurden hier nicht nachgedichtet, sondern sinngemäß
übersetzt ohne Versmaß und Reimschema beizubehalten.
1. Es heißt, daß es eines Tages geschah, als
König Olaf Tryggvason sich in Trondheim aufhielt, daß spät am
Tag ein Mann zu ihm kam und ihn ehrenvoll grüßte. Der König
empfing ihn gut und fragte, wer er sei. Er sagte, er heiße Gest.
Der König antwortete: "Ein Gast wirst du hier sein, wie auch immer
du heißt." [1]
Gest antwortete: "Ich habe meinen wahren Namen gesagt, Herr, und gerne
würde ich bei Euch beherbergt werden, wenn das möglich wäre."
Der König sagte, daß ihm das gewährt werden würde. Weil
aber der Tag sich dem Ende zuneigte, wollte der König nicht mit dem Gast
sprechen, denn er ging gleich zur Abendmesse, danach aß er und schließlich
legte er sich Schlafen.
In dieser Nacht wachte König Olaf Tryggvason in seinem Bett auf und sprach
seine Gebete, während alle anderen Männer in der Unterkunft schliefen.
Da schien dem König ein Alb oder irgendein Geist in das Haus hineinzukommen,
obwohl die Tür verschlossen war. Er ging vor das Bett eines jeden, der
dort schlief, und zuletzt kam er zum Bett eines Mannes, der nahe an der Tür
lag.
Da blieb der Alb stehen und sprach: "Hier ist ein außerordentlich
starkes Schloß vor einem leeren Haus. Der König ist nicht klug in
solchen Dingen, wenn er jetzt so fest schläft, wo doch andere behaupten,
er sei sehr weise."
Danach verschwand der Alb, trotz verschlossener Tür.
Früh am folgenden Morgen schickte der König seinen Diener, um herauszufinden,
wer in jenem Bett in der Nacht geschlafen hatte. Es stellte sich heraus, daß
dort der Gast gelegen hatte. Der König ließ ihn zu sich rufen und
fragte, wessen Sohn er sei.
Er antwortete: "Mein Vater hieß Thord und wurde Thingbitr genannt.
Er stammte aus Dänemark und wohnte auf dem Hof Gräning." "Du
bist ein tüchtiger Mann", sagte der König.
Dieser Gast war mutig mit Worten, größer als die meisten anderen
Männer, stark und schon in fortgeschrittenem Alter. Er bat den König,
länger dort im Gefolge verweilen zu dürfen. Der König fragte,
ob er ein Christ sei. Gest sagte, er habe die Primsegnung [2] erhalten, sei
aber nicht getauft. Der König sagte, er dürfe beim Gefolge bleiben,
"aber du wirst nur eine kurze Zeit ungetauft bei mir sein."
Aber der Alb hatte deshalb so über das Schloß gesprochen, weil Gest
sich am Abend wie die anderen Männer bekreuzigte, obwohl er in Wirklichkeit
ein Heide war.
Der König sprach: "Hast du irgendwelche besonderen Fähigkeiten?"
Er sagte, er könne Harfe spielen und Geschichten so erzählen, daß
es für unterhaltsam gehalten werde.
Dann sagte der König: "König Sven handelt schlecht, wenn er ungetaufte
Leute aus seinem Reich in anderen Ländern herumreisen läßt."
Gest antwortete: "Das ist nicht dem Dänenkönig zuzuschreiben,
denn ich verließ Dänemark lange bevor Kaiser Otto das Danewerk niederbrennen
ließ und König Harald Gormsson und den Opferjarl Hakon zwang, das
Christentum anzunehmen." [3]
Der König fragte Gest viele Dinge und er gab über die meisten klug
und verständig Auskunft.
Die Leute sagen, daß dieser Gest im dritten Jahr von König Olafs
Herrschaft zu diesem gekommen sei. In diesem Jahr kamen auch die Männer
zu ihm, die Grim hießen und von Gudmund auf Gläsisvellir geschickt
worden waren. Sie brachten dem König zwei Hörner, die Gudmund ihm
schenkte. Die Hörner nannten sie auch Grim. Sie hatten noch mehr Anliegen
beim König, wie später erzählt werden wird. [4]
Jetzt ist zu berichten, daß Gest sich beim König aufhielt. Ihm wurde
ein Platz in Richtung der Tür neben den Gästen zugewiesen. Er hatte
feine Sitten und benahm sich gut. Bei den meisten Leuten war er wohlgelitten
und er gefiel ihnen gut.
2. Kurz vor Weihnachten kamen Ulf der Rote und mit ihm
eine Schar Männer nach Hause. Er war den Sommer über im Auftrag des
Königs unterwegs gewesen, weil er im Herbst zur Landesverteidigung gegen
Überfälle der Dänen im Oslofjord eingesetzt war. Er pflegte über
Mittwinter bei König Olaf zu sein.
Ulf brachte dem König viele wertvolle Sachen, die er sich im Sommer verschafft
hatte. Er hatte einen Goldring erworben, der Nitud genannt wurde. Er war an
neun Stellen zusammengefügt, und jeder Teil hatte eine andere Farbe. Das
Gold war viel besser als das anderer Ringe. Diesen Ring hatte Ulf von einem
Bauern namens Lodmund bekommen, aber zuvor hatte ihn König Half besessen,
nach dem die Halfskrieger benannt sind. [5] Sie hatten von König Halfdan
in Ylfing Geld erpreßt. Lodmund verlangte von Ulf im Gegenzug, daß
dieser mit Unterstützung König Olfas seinen Hof beschützte. Das
sagte ihm Ulf zu.
Der König feierte nun ein prachtvolles Weihnachtsfest in Trondheim. Am
achten Tag gab Ulf der Rote dem König den Ring Nitud. Der König dankte
ihm für das Geschenk und all seine treuen Dienste, die er ihm immer erwiesen
hatte. Dieser Ring wurde in der Unterkunft, in der die Männer tranken,
herumgereicht. Damals waren noch keine Hallen in Norwegen gebaut worden. Jeder
zeigte ihn nun dem anderen, und die Leute meinten, noch nie ebenso gutes Gold
gesehen zu haben wie das, aus dem der Ring bestand. Schließlich kam er
zur Gästebank und zu dem unbekannten Gest. Er schaute ihn an und gab ihn
mit der Hand zurück, mit der er zuvor seinen Becher gehalten hatte. Er
hielt wenig davon und sagte nichts über diesen Gegenstand, sondern scherzte
weiter wie zuvor mit seinen Gefährten.
Ein Diener schenkte an der Gästebank aus. Er fragte: "Gefällt
euch der Ring gut?" "Hervorragend", sagten sie. "Bis auf
den neu gekommenen Gest. Er interessiert sich nicht dafür und wir meinen,
daß er ihn nicht angeschaut haben kann, wenn er sich nicht um solche Dinge
kümmert." Der Diener ging zum König und sagte ihm diese Worte
der Gäste und wie wenig der neu gekommene Gast sich um diesen Gegenstand
kümmerte, wo ihm so eine Kostbarkeit gezeigt wurde.
Da sagte der König: "Der neu gekommene Gast wird mehr wissen, als
ihr glaubt. Er soll morgen zu mir kommen und mir irgendeine Geschichte erzählen."
Jetzt sprachen die Gäste auf der äußeren Bank miteinander. Sie
fragten den neu gekommenen Gast, wo er einen ebenso guten oder besseren Ring
gesehen habe.
Gest antwortete: "Da es euch seltsam erscheint, daß ich so wenig
dazu sage: Ich habe tatsächlich solches Gold gesehen, das keineswegs schlechter,
sondern besser zu sein schien."
Jetzt lachten die Königsmänner und sagten, daß da ein großer
Spaß zu erwarten sei. "Du wirst mit uns wetten wollen, daß
du ebenso gutes Gold wie dieses gesehen hast und das beweisen kannst. Wir werden
vier Mark Silbermünzen einsetzen, du aber dein Messer und deinen Gürtel.
Und der König soll entscheiden, wer recht hat."
Darauf sagte Gest: "Ich werde mich weder eurem Spott aussetzen noch gegen
die Bedingungen verstoßen, die ihr haben wollt. Ich werde tatsächlich
mit euch wetten und das einsetzen, was ihr gesagt habt, und der König soll
entscheiden, wer recht hat."
Sie beendeten nun ihr Gespräch. Gest nahm seine Harfe und spielte den Abend
über schön und lange, so daß es allen eine Freude schien, zuzuhören.
Am schönsten spielte er das Gunnarlied. Als letztes spielte er die alten
Lieder von den "Listen Gudruns" Die hatten die Leute nie zuvor gehört.
Danach schliefen die Leute die Nacht über.
3. Der König stand früh am Morgen auf und sang
die Messe. Nach deren Ende ging der König mit seinem Gefolge zu Tisch.
Als er sich in seinen Hochsitz gesetzt hatte, trat die Gästeschar und mit
ihr Gest vor ihn. Sie sagten ihm von all ihren Abmachungen und der Wette, die
sie miteinander vereinbart hatten.
Der König antwortete: "Ich halte wenig von eurer Wette, auch wenn
ihr euer Geld dafür einsetzt. Ich glaube, daß euch der Alkohol zu
Kopf gestiegen ist. Und ich halte es für am besten, daß ihr das alles
für nichtig erklärt, vor allem, wenn es Gest so besser erscheint."
Gest antwortete: "Ich will, daß all unsere Abmachungen eingehalten
werden." Der König sprach: "Du siehst mir so aus Gest, als ob
sich meine Männer durch ihre Worte mehr in die Klemme gebracht hätten
als du dich. Aber das wird sich gleich zeigen." Danach gingen sie weg und
die Leute begannen zu trinken. Als das Gelage beendet wurde, ließ der
König Gest zu sich rufen und sprach so zu ihm: "Jetzt bist du verpflichtet,
irgendetwas aus Gold vorzuweisen, wenn du so etwas hast, so daß ich eure
Wette entscheiden kann." "Das soll nach Eurem Willen geschehen, Herr",
sagte Gest.
Dann griff er in einen Beutel, den er bei sich hatte. Er zog ein zusammengeknotetes
Tuch heraus, öffnete es und gab es dem König in die Hand. Der König
sah, daß das darinliegende Stück von einer Spange von einem Sattelgurt
abgebrochen war. Er sah, daß das hervorragendes Gold war. Daraufhin bat
er, den Ring Nitud herzubringen. Als das getan worden war, verglich der König
Gests Gold und das des Rings und sprach dann: "Ich finde tatsächlich
das Gold besser, das Gest gezeigt hat. Und so wird es mehr Leuten erscheinen,
wenn sie es sehen." Viele Männer bestätigten daraufhin die Meinung
des Königs. Daraufhin sprach er Gest den Wetteinsatz zu. Die Gäste
meinten da, daß sie sich in dieser Sache unklug verhalten hätten.
Gest sprach: "Behaltet euer Geld selbst, denn ich brauche es nicht. Aber
wettet nicht mehr mit unbekannten Leuten, denn ihr wißt nicht, ob ihr
nicht einen trefft, der sowohl mehr gehört als auch gesehen hat als ihr.
Aber Euch Herr, will ich für das Urteil danken."
Der König sprach: "Jetzt will ich, daß du erzählst, woher
du das Gold bekommen hast, das du bei dir hast." Gest antwortete: "Das
tue ich nur ungern, denn die meisten werden es nicht glauben wollen, wenn ich
es erzähle." "Trotzdem wollen Wir es hören", sagte
der König. "Denn du hast Uns zuvor deine Geschichte versprochen."
Gest antwortete: "Wenn ich Euch erzähle, wie es sich mit dem Gold
verhält, gehe ich davon aus, daß Ihr die andere Geschichte auch hören
wollt." "Das kann sein", sagte der König, "daß
du damit recht hast."
4. "Dann werde ich davon erzählen, wie ich nach
Süden, ins Frankenreich, zog. Ich war neugierig auf die Gebräuche
des Königs und den großen Ruhm, der von Sigurd Sigmundarson, ausging
wegen seiner Schönheit und Mannhaftigkeit. Es gab nichts zu berichten,
bis ich ins Frankenreich kam und auf König Hjalprek traf. Er hatte ein
großes Gefolge bei sich. Dort war auch Sigurd, der Sohn Sigmunds, der
der Sohns Völsungs und Hjördis Eylimadottirs war. Sigmund fiel im
Kampf gegen die Söhne Hundings, aber Hjördis heiratete Half, den Sohn
König Hjalpreks. Dort wuchsen Sigurd und alle Söhne König Sigmunds
in ihrer Kindheit auf. Sinfjötli und Helgi, der König Hunding erschlug
und deshalb Hundingstöter genannt wurde, übertrafen alle anderen Männer
an Kraft und Wuchs. Der dritte hieß Hamund. Aber Sigurd war der hervorragendste
der Brüder. Es ist den Menschen auch bekannt, daß Sigurd der angesehenste
und beste aller Kriegerkönige in alter Zeit gewesen ist.
Es war auch Regin, der Sohn Reidmars, zu König Hjalprek gekommen. Er war
geschickter als alle anderen Menschen, ein Zwerg von Wuchs, klug, grausam und
zauberkundig. Regin brachte Sigurd viele Dinge bei und liebte ihn sehr. Er erzählte
ihm von seinen Eltern und den seltsamen Ereignissen, die da geschehen waren.
Nachdem ich eine kurze Zeit dort gewesen war, wurde ich Sigurds Diener, wie
viele andere. Alle liebten ihn sehr, weil er freundlich, bescheiden und freigebig
uns gegenüber war.
5. Eines Tages kamen wir zu Regins Gehöft und Sigurd wurde dort gut empfangen. Da sprach Regin diese Strophe:
"Es ist hierher gekommen
der Nachfahr Sigmunds,
der tatkräftige Mann,
zu unseren Hallen.
Er hat große Kraft,
aber ich bin ein alter Mann.
Mir steht bevor der Angriff
eines gierigen Wolfs."
Und weiter sprach er:
"Ich werde lehren
den tapferen Fürsten.
Jetzt ist Yngvis Nachfahr
zu uns gekommen.
Dieser Fürst wird sein
der mächtigste unter der Sonne,
berühmt in allen Landen,
mit seinem Lobpreis."
Sigurd war zu dieser Zeit ständig bei Regin und dieser
erzählte ihm viel von Fafnir, der in Gestalt einer Schlange auf der Gnitaheide
lag und außergewöhnlich groß war. Regin machte für Sigurd
ein Schwert, das Gram hieß. Das war so scharf, daß er es in den
Fluß Rhein hielt und eine Wollflocke dagegen mit der Strömung dagegen
treiben ließ und es sie zerschnitt. Dann spaltete Sigurd Regins Amboß
mit dem Schwert.
Danach trieb Regin Sigurd dazu an, seinen Bruder Fafnir zu erschlagen. Aber
Sigurd sprach diese Strophe:
"Laut würden lachen
die Söhne Hundings,
die dem Eylimi
das Leben verweigerten,
wenn ich bereit wäre
eher zu streben
nach roten Ringen
als den Vater zu rächen."
Danach machte sich Sigurd zum Aufbruch bereit und wollte
gegen die Hundingssöhne Krieg führen. König Hjalprek gab ihm
viel Mannschaft und einige Kriegsschiffe. Auf diese Fahrt kamen mit Sigurd sein
Bruder Hamund und der Zwerg Regin. Ich war auch dort und sie nannten mich da
Nornen-Gest. Ich war mit König Hjalprek bekannt seit der Zeit, als er bei
Sigmund, dem Sohn Völsungs, in Dänemark war. Damals war Sigmund mit
Borghild verheiratet und sie trennten sich, nachdem Borghild mit Gift Sinfjötli,
Sigmunds Sohn, umgebracht hatte. Danach heiratete Sigmund im Süden in Frankreich
Hjördis, die Tochter Eylimis, den die Hundingssöhne erschlugen. Sigurd
mußte sowohl seinen Vater als auch seinen Großvater mütterlicherseits
rächen.
Helgi Sigmundsson, der Hundingstöter genannt wurde, war der Bruder Sigurds,
der später Fafnirstöter genannt wurde. Sigurds Bruder Helgi hatte
König Hunding und drei von dessen Söhnen, Eyjolf, Herröd und
Hjörvard, getötet. Lyngvi und seine beiden Brüder Alf und Heming
entkamen. Sie waren für all ihre Fähigkeiten sehr berühmt. Lyngvi
war der Anführer der Brüder. Sie waren sehr zauberkundig. Sie hatten
viele Kleinkönige unterworfen, Krieger erschlagen, viele Städte verbrannt
und enorme Zerstörung in Spanien und Frankreich angerichtet. Damals war
das Kaiserreich noch nicht nach Norden auf diese Seite des Gebirges [6] gekommen.
Die Hundingssöhne hatten sich das Reich unterworfen, das Sigurd in Frankreich
gehörte und sie hatten viele Männer bei sich.
6. Nun ist davon zu erzählen, wie Sigurd sich auf
den Kampf gegen die Hundingssöhne vorbereitete. Er hatte eine große
und gut bewaffnete Mannschaft. Regin übernahm weitestgehend die Führung
des Heers. Er besaß das Schwert, das Rindil hieß und das er selbst
geschmiedet hatte. Sigurd bat ihn, ihm das Schwert zu leihen. Das tat er, bat
ihn aber, Fafnir zu töten, wenn er von dieser Fahrt zurückkäme.
Das versprach ihm Sigurd.
Dann segelten wir südlich am Land entlang. Wir kamen in ein großes,
unnatürliches Unwetter, das viele den Hundingssöhnen zuschrieben.
Dann segelten wir etwas näher am Land entlang. Da sahen wir einen Mann
auf einem Felsvorsprung, der aus den Meeresklippen hervorstand. Der Mann hatte
einen grünen Kapuzenumhang, blaue Hosen und geknöpfte, weit hinaufreichende
Schuhe an und einen Speer in der Hand. Er sprach uns in Versen an:
"Wer reitet hier
auf Rävils [7] Pferden
über die hohen Wellen
über das brausende Meer?
Eure Segel sind
von der See besprengt.
Die Wogenrosse werden nicht
dem Wind standhalten."
Regin erwiderte:
"Hier sind Sigurd und seine Leute
über das Meer gekommen.
Uns ist Fahrtwind gegeben
dem Tod selbst entgegen.
Es fällt die steile Sturzsee
über den hohen Vordersteven.
Die Rollenrosse schießen voran.
Wer fragt danach?"
Der Mann mit dem Umhang sprach:
"Hnikar nannten sie mich
damals, als man Hugin erfreute
und Völsung weit umher
gekämpft hatte.
Jetzt kannst du mich nennen,
den Mann auf dem Felsen,
Feng oder Fjölnir.
Ich will mit euch fahren."
Da steuerten wir an Land und das Unwetter wurde schnell
schwächer. Sigurd forderte den Mann auf, aufs Schiff zu kommen. Das tat
er. Da legte sich das Unwetter sofort und es kam hervorragender Fahrtwind auf.
Der Mann setzte sich vor Sigurds Knie nieder und war sehr entgegenkommend. Er
fragte, ob Sigurd irgendeinen Rat von ihm annehmen wolle. Sigurd sagte, er wolle
das und er glaube, daß er gute Ratschläge geben könne, wenn
er Menschen nützlich sein wolle. Sigurd sagte zu dem Mann mit dem Umhang:
"Sag mir das, Hnikar,
weil du beides weißt,
das Geschick der Götter und der Menschen:
Was sind die besten Vorzeichen,
wenn gekämpft werden soll,
für das Schwingen der Schwerter?"
Hnikar sagte:
"Es gäbe viele gute
Vorzeichen beim Schwingen der Schwerter,
wenn die Menschen es wüßten.
Eine zuverlässige Begleitung
des Schwertbaums [8] ist, glaube ich,
die eines dunklen Rabens.
Das ist das zweite,
wenn du hinausgekommen
und zum Aufbruch bereit bist:
Zwei siehst du
auf dem Platz stehen,
ruhmvolle Männer.
Das ist das dritte,
wenn du heulen hörst
einen Wolf unter Eschenzweigen.
Glück wird dir beschieden
von Helmstäben [9],
wenn du sie vorher kommen siehst.
Keiner der Männer soll
kämpfen entgegen
der spät scheinenden
Schwester des Mondes.
Die haben den Sieg,
die sehen können,
die Tapferen des Schwertspiels,
und eine gedeckte Schlachtordnung aufstellen.
Es ist eine große Gefahr,
falls du stolperst,
dann wenn gekämpft wird.
Tückische Disen
stehen dir zu beiden Seiten
und wollen dich verwundet sehen.
Gekämmt und gewaschen
soll jeder sich zeigen
und am Morgen gesättigt,
weil ungewiß ist,
was bis zum Abend geschieht.
Schlimm ist es, ohne gutes Vorzeichen loszueilen."
Und danach segelten wir südlich an
Holstein und aus östlicher Richtung an Friesland entlang und gingen dort
an Land. Sobald die Hundingssöhne unserer Fahrt gewahr wurden, sammelten
sie ein Heer und bekamen schnell viele Männer zusammen. Als wir aufeinander
trafen, begann ein harter Kampf. Lyngvi war der vorderste der Brüder bei
sämtlichen Vorstößen. Aber alle griffen tapfer an. Sigurd kämpfte
so entschlossen, daß alles vor ihm zurückwich, denn das Schwert Gram
wurde ihnen gefährlich und Sigurd brauchte nicht zum Zuschlagen aufgefordert
werden. Als er und Lyngvi aufeinander trafen, wechselten sie viele Hiebe und
kämpften sehr tapfer. Da ruhte die Schlacht einige Zeit, weil viele bei
diesem Zweikampf zusahen. Lange konnte keiner den anderen verwunden, so geschickt
waren sie beim Führen ihrer Waffen. Dann rückten Lyngvis Brüder
entschlossen vor und erschlugen viele Männer, aber einige flohen. Sigurds
Bruder Hamund wandte sich ihnen entgegen und ich mit ihm. Da kam es zu einigem
Widerstand. Die Auseinandersetzung zwischen Lyngvi und Sigurd endete damit,
daß Sigurd ihn gefangen nahm und fesseln ließ. Und als Sigurd zu
uns kam, wendete sich die Schlacht schnell. Es fielen alle Hundingssöhne
und ihr gesamtes Heer. Da zog bereits die Nacht herauf.
Als es gegen Morgen hell wurde, war Hnikar verschwunden und wurde danach nicht
mehr gesehen. Die Leute meinen, daß das Odin war.
Dann wurde darüber gesprochen, was für einen Tod Lyngvi sterben sollte.
Regin riet dazu, ihm einen Blutadler auf den Rücken zu ritzen. Regin nahm
da von mir sein Schwert entgegen und ritzte mit ihm Lyngvi, so daß die
Rippen vom Rückgrat löste und dort die Lungen herauszog. So starb
Lyngvi mit großer Tapferkeit. Da sprach Regin:
"Jetzt ist ein blutiger Adler
mit breitem Schwert
dem Töter Sigmunds
auf den Rücken geritzt.
Kaum einer war kühner,
als der, der die Erde rötet,
der Verwandte des Herrschers,
der den Raben erfreute."
Dort wurde sehr große Beute gemacht. Sigurds Krieger nahmen sich alles, weil er nichts davon haben wollte. Es gab viel wertvolle Kleidung und Waffen. Später erschlug Sigurd Fafnir und Regin, weil der ihn hintergehen wollte. Dann nahm Sigurd Fafnirs Gold und ritt damit fort. Seither wurde er Fafnirstöter genannt. Anschließend ritt er auf die Hindarheide und traf dort auf Brynhild, und was zwischen ihnen geschah, wird in der Geschichte von Sigurd Fafnirstöter berichtet.
7. Später heiratete Sigurd Gudrun, die Tochter Gjukis.
Er war dann einige Zeit lang bei seinen Schwägern, den Gjukungen. Ich war
zusammen mit Sigurd in Dänemark. Ich war auch bei ihm, als König Sigurd
Ring seine Schwäger, die Gandalfssöhne, zu den Gjukungen Gunnar und
Högni schickte und verlangte, daß sie ihm Steuern zahlen oder andernfalls
Plünderung erdulden sollten. Sie wollten aber ihr Land verteidigen. Da
steckten die Gandalfssöhne mit Haselzweigen einen Kampfplatz an der Landesgrenze
ab und reisten dann zurück. Die Gjukungen baten Sigurd Fafnirstöter,
mit ihnen zum Kampf zu kommen. Er sagte, so solle es geschehen. Ich war zu diesem
Zeitpunkt immer noch bei Sigurd. Wir segelten dann nach Holstein und landeten
dort an einem Platz, der Jarnamodir heißt. Nicht weit vom Hafen entfernt
waren die Haselzweige an der Stelle, wo die Schlacht stattfinden sollte, aufgestellt.
Wir sahen da viele Schiffe von Norden her segeln. Die Gandalfssöhne führten
diese Flotte an. Dann griffen beide Seiten einander an. Sigurd Ring war nicht
selbst dort, weil er sein Land Schweden gegen die Kuren und Kvänen [10]
verteidigen mußte, die es verheerten. Sigurd Ring war damals sehr alt.
Dann prallten die Heere aufeinander und es entbrannte ein großer Kampf
mit großen Verlusten. Die Gandalfssöhne griffen entschlossen an,
weil sie sowohl größer als auch stärker als die meisten anderen
Menschen waren.
In ihrem Heer wurde ein auffallend großer und starker Mann gesehen. Dieser
erschlug Menschen und Pferde, ohne daß ihn jemand aufhalten konnte, denn
er war Riesen ähnlicher als Menschen. Gunnar bat Sigurd, sich diesem Teufelskerl
entgegenzustellen, denn er meinte, so könne es nicht weitergehen. Sigurd
wendete sich nun diesem großen Mann entgegen und einige kamen mit ihm,
aber die meisten waren nicht begierig darauf. Wir trafen dann schnell auf den
großen Mann und Sigurd fragte ihn nach seinem Namen und woher er komme.
Er sagte, er heiße Starkad Storverksson und stamme von Fenhring in Norwegen.
Sigurd sagte, er habe von ihm gehört, und meistens Schlechtes. "Solche
Männer versäumen keine Gelegenheit, anderen Kummer zu bereiten."
Starkad sprach: "Wer ist dieser Mann, der mich mit solchen Worten beschimpft?"
Sigurd sagte, wie er hieß.
Starkad sagte: "Wirst du Fafnirstöter genannt?"
"So ist es," sagte Sigurd.
Da versuchte Starkad zu entkommen, aber Sigurd verfolgte ihn, schwang das Schwert
Gram und schlug ihm mit dem Knauf gegen die Kinnlade, so daß ihm zwei
Backenzähne aus dem Mund flogen. Das war ein gefährlicher Hieb. Anschließend
forderte Sigurd den elenden Hund auf, zu verschwinden. Ich aber hob einen der
Backenzähne auf und nahm ihn mit. Er wird jetzt in Dänemark als Klöppel
in einer Glocke verwendet und wiegt sieben Unzen. [11] Die Leute sind begierig
darauf, ihn dort zu betrachten.
Nach Starkads Flucht flohen auch die Gandalfssöhne. Wir machten da große
Beute. Anschließend fuhren die Könige nach Hause in ihr Reich und
blieben dort einige Zeit.
8. Wenig später hörten wir von einem schändlichen
Mord, den Starkad verübt hatte, indem er König Ali beim Baden erschlagen
hatte.
Eines Tages, als Sigurd Fafnirstöter zu irgendeinem Treffen ritt, kam er
in einen Sumpf. Das Pferd Grani sprang so heftig nach oben, daß der Sattelgurt
zerriß und die Schnalle nach unten fiel. Ich aber sah, wo sie im Schlamm
glänzte, hob sie auf und brachte sie Sigurd, aber er schenkte sie mir.
Ihr habt sie jetzt vor kurzem gesehen. Sigurd stieg ab und ich rieb das Pferd
ab. Dabei nahm ich ein Haarbüschel aus seinem Schwanz zum Beweis seiner
Größe."
Gest zeigte daraufhin das Haarbüschel und es war sieben Ellen lang.
König Olaf sprach: "Deine Geschichten bereiten mir großes Vergnügen."
Alle lobten nun seine Erzählungen und seine Tapferkeit. Der König
wollte, daß er noch viel mehr über die Taten seiner Verwandten berichtete.
Gest erzählte den ganzen Abend lang von vielen vergnüglichen Dingen.
Dann gingen die Leute schlafen.
Am Morgen ließ der König Gest zu sich rufen und wollte noch mehr
mit ihm reden. Der König sprach: "Ich bin mir nicht sicher, was dein
Alter betrifft und die Wahrscheinlichkeit, daß du ein so bejahrter Mann
bist, daß du bei diesen Ereignissen dabei warst. Du mußt noch eine
weitere Geschichte erzählen, so daß wir mehr Gewißheit über
solche Dinge erlangen."
Gest antwortete: "Mir war klar, daß ihr eine weitere Geschichte hören
wollen würdet, wenn ich davon berichtete, wie es sich mit dem Gold verhielt."
Der König sprach: "Du sollst auf jeden Fall erzählen."
9. "Es ist jetzt zu erzählen, " sagte Gest,
"daß ich mich gen Norden nach Dänemark begab. Dort übernahm
ich das Erbe meines Vaters, weil er früh starb. Wenig später erfuhr
ich von Sigurds Tod und von dem der Gjukungen. Das schienen mir bedeutende Neuigkeiten
zu sein."
Der König sprach: "Was führte zu Sigurds Tod?"
Gestr antwortete: "Die meisten Menschen sagen, daß Gjukis Sohn Guttorm
ihn mit einem Schwert durchstach, als er in Gudruns Bett schlief. Aber deutsche
Leute sagen, Sigurd sei draußen im Wald erschlagen worden. Die Vögel
jedoch sagen, Sigurd und die Söhne Gjukis seihen zu irgendeinem Thing geritten
und sie hätten ihn dabei erschlagen. Aber es herrscht Einigkeit darüber,
daß sie ihn im Liegen und unerwartet ermordeten und ihm die Treue brachen."
Ein Gefolgsmann fragte: "Wie reagierte Brynhild darauf?"
Gest antwortete: "Brynhild tötete sieben ihrer Knechte und fünf
Mägde. Sie durchstieß sich selbst mit einem Schwert und befahl, sie
zusammen mit diesen Menschen zu einem Scheiterhaufen zu fahren und ihre Leiche
zu verbrennen. Es wurde so verfahren, daß ein Scheiterhaufen für
sie und ein weiterer für Sigurd errichtet wurden. Er wurde vor Brynhild
verbrannt. Sie war in einem Wagen dorthin gefahren, der mit wertvollen Stoffen
und Purpur bedeckt war und ganz von Gold glänzte. So wurde sie verbrannt."
Darauf fragten die Leute Gest, ob die tote Brynhild etwas gesagt habe. Er sagte,
das sei wahr. Sie baten ihn, es aufzusagen, falls er es könnte.
Da sprach Gest: "Als Brynhild zur Verbrennung auf dem Weg ins Totenreich
gefahren wurde, kam man an einigen Klippen vorbei. Da wohnte eine Riesin. Sie
war draußen vor dem Eingang ihrer Höhle, hatte ein Fellgewand an
und war von dunklem Äußerem.
Sie hatte einen langen Stock in der Hand und sprach: "Diesen will ich zu
deiner Verbrennung beisteuern und es wäre besser, wenn du lebend verbrannt
würdest für deine Untat, daß du einen so hervorragenden Mann
wie Sigurd Fafnirstöter umbringen ließt. Ich war ihm gegenüber
oft hilfsbereit und deswegen werde ich Worte der Rache über dir singen,
so daß du allen verhaßt wirst, die das über dich gesagt hören."
Daraufhin sangen sie gegeneinander an, Brynhild und die Riesin. Die Riesin sang:
"Du sollst nicht gehen durch
meinen von Steinen gestützten Hof.
Es stünde dir eher zu, Bänder zu weben,
als unsere Häuser aufzusuchen.
Wozu solltest du meine Häuser aufsuchen,
wankelmütiges Haupt aus Valland?
Du hast Wölfen, wenn sie dich aufsuchten,
das Blut vieler Männer zum Fraß gegeben."
Da sang Brynhild:
"Beschimpf du mich nicht, Frau aus
Stein,
auch wenn ich früher auf Wikingfahrt war.
Ich werde als die bessere von uns beiden angesehen werden,
überall, wo Menschen unsere Herkunft kennen."
Die Riesin sang:
"Du bist, Brynhild, Budlis Tochter,
zum schlimmsten Unheil in die Welt geboren.
Du hast Gjukis Kinder zugrunde gerichtet
und ihr gutes Haus zunichte gemacht."
Brynhild sang:
"Ich werde dir sagen wahre Worte,
ränkesüchtiges Haupt, wenn du wissen willst,
wie mich Gjukis Erben machten
lieblos und eidbrüchig.
Es ließ aus Kummer der mutige König
mich, die Schwester Atlis, unter einer Eiche leben.
Ich war zwölf Jahre, wenn du es wissen willst,
als ich dem jungen Fürsten Eide schwur.
Ich ließ den alten Bruder einer Riesin,
Hjalmgunnar, bald zur Hel [12] gehen.
Ich gab den Sieg dem jungen Bruder Audas.
Deshalb wurde Odin über alles wütend auf mich.
Er schloß mich ein im Skatalund
mit roten und weißen Schilden, die Ränder berührten sich.
Er forderte den auf, mich aus meinem Schlaf zu reißen,
der sich nirgends fürchten könnte.
Er ließ um meinen Saal, den südlichen,
hoch brennen den Hund des Waldes.
Dann forderte er sogleich einen auf, darüber zu reiten,
den, der mir brachte das Kissen Fafnirs.
Der gute Goldverteiler ritt auf Grani,
dorthin, wo mein Ziehvater dem Wohnraum vorstand.
Er allein schien dort besser als alle
in der Gefolgschaft, der Wikinger der Dänen.
Wir schliefen in einem Bett und waren damit zufrieden,
als ob er als mein Bruder geboren wäre.
Keiner von uns konnte die Hand
auf den anderen legen, acht Nächte lang.
Das warf mir Gudrun, Gjukis Tochter, vor,
daß ich in Sigurds Arm geschlafen hätte.
Da wurde ich dessen gewiß, was ich nicht wollte,
daß sie mich betrogen, bei der Eheschließung.
Es werden allzu lange in tiefem Leid
Frauen und Männer ins Leben geboren werden.
Wir werden unser Leben beenden, Sigurd und ich,
zusammen. Versink nun, Riesin."
Da schrie die Riesin mit schrecklicher Stimme und lief
in den Fels."
Die Gefolgsleute sagten: "Das ist unterhaltsam. Erzähl noch mehr."
Der König sprach: "Es ist nicht nötig, noch mehr von solcherlei
Dingen zu erzählen."
Der König sprach: "Warst du einmal bei den Lodbrokssöhnen?"
[13]
Gest antwortete: "Ich war eine kurze Weile bei ihnen. Ich kam zu ihnen,
als sie südlich der Alpen plünderten und Vifilsborg zerstörten.
Damals hatten alle vor ihnen Angst, weil sie überall siegten, wohin sie
auch kamen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie vor, nach Rom zu fahren.
Eines Tages geschah es, daß irgendein Mann vor König Björn Eisenseite
kam und ihn grüßte. Der König empfing ihn gut und fragte, woher
er gekommen sei. Er sagte, er sei vom Süden, aus Rom gekommen.
Der König fragte: "Wie weit ist es bis dorthin?"
Er antwortete: "Hier König, kannst du die Schuhe sehen, die ich an
den Füßen habe."
Dann zog er die Eisenschuhe von seinen Füßen und sie waren sehr dick
an der oberen Seite, aber völlig abgelaufen an der unteren. "So weit
ist der Weg von hier nach Rom, wie Ihr hier an meinen Schuhen sehen könnt,
wie viel sie aushalten mußten."
Der König sprach: "Das ist ein äußerst weiter Weg und wir
werden umkehren und nicht Rom plündern."
So taten sie und fuhren nicht weiter. Es erschien dem Heer seltsam, so schnell
seine Gesinnung zu ändern aufgrund der Worte eines einzelnen Mannes, wo
sie zuvor keinerlei Ratschläge angenommen hatten. Die Lodbrokssöhne
fuhren danach zurück nach Hause in den Norden und plünderten nicht
länger im Süden."
Der König sagte: "Es ist deutlich, daß die Heiligen in Rom nicht
ihre Gewalttätigkeit haben wollten. Dieser Geist wird von Gott gesendet
gewesen sein, damit sie schnell von ihrem Vorhaben abrückten, der heiligsten
Stätte Jesu Christi in Rom Schaden zuzufügen."
10. Der König fragte Gest weiter: "Bei welchen
Königen, bei denen du warst, schien es dir am besten zu sein?"
Gest sagte: "Am meisten Freude hatte ich bei Sigurd und den Gjukungen.
Bei den Lodbrokssöhnen konnten die Männer am meisten selbst darüber
bestimmen, wie sie leben wollten. Bei König Erik in Uppsala herrschte das
größte Glück. König Harald Schönhaar achtete von allen
genannten Königen am sorgfältigsten auf das Verhalten seiner Gefolgsschaft.
Ich war auch bei König Heinrich in Deutschland und dort erhielt ich die
Primsegnung, weil ich andernfalls nicht hätte dort sein können, denn
dort wurde der christliche Glaube gut eingehalten. Dort erschien es mir am allerbesten."
Der König sprach: "Du wirst von Vielem berichten können, wenn
Wir danach fragen."
Der König erfragte nun Vieles von Gest. Gest erzählte ihm alles genau
und am Schluß sprach er so: "Jetzt werde ich Euch sagen, warum ich
Nornen-Gest genannt werde."
Der König sagte, er wolle das hören.
11. "Ich wurde bei meinem Vater an einem Ort namens
Gräning aufgezogen. Mein Vater war reich an Geld und leistete sich einen
kostbaren Haushalt. Dort reisten kundige Frauen durch das Land, die Seherinnen
genannt wurden und den Menschen ihr Leben voraussagten. Die Leute luden sie
zu sich ein, richteten Gastmähler für sie aus und gaben ihnen zum
Abschied Geschenke. Das tat auch mein Vater. Sie kamen mit einer Schar Männer
zu ihm und sollten mir dort mein Schicksal voraussagen. Ich lag in der Wiege,
als sie über mich sprechen sollten. Über mir brannten zwei Kerzen.
Sie sprachen da über mich und sagten, ich würde ein Mann mit viel
Glück werden, mehr als andere meiner Vorfahren oder Söhne der Mächtigen
dort im Lande. Sie sagten, so sollte mein Leben verlaufen. Die jüngste
Norne meinte, zu wenig Wertschätzung zu erhalten von den anderen beiden,
als sie sie nicht an solchen Weissagungen beteiligten, die so viel bedeuteten.
Es waren dort auch eine Menge rohe Menschen, die sie von ihrem Sitz stießen,
so daß sie auf die Erde fiel.
Darüber wurde sie sehr aufgebracht. Sie rief da laut und zornig und forderte
die anderen auf, mit den guten Worten über mich aufzuhören, "denn
ich bestimme ihm, daß er nicht länger leben soll als die Kerze brennt,
die bei dem Knaben angezündet ist."
Danach nahm die ältere Völva die Kerze, löschte sie und bat meine
Mutter, sie zu verwahren und nicht eher anzuzünden als bis zum letzten
Tag meines Lebens. Anschließend begaben sich die Seherinnen fort und fesselten
die junge Norne und führten sie weg. Mein Vater gab ihnen gute Geschenke
zum Abschied. Als ich ein erwachsener Mann war, gab mir meine Mutter diese Kerze
zur Aufbewahrung. Ich habe sie jetzt bei mir."
Der König sprach: "Warum hast du dich jetzt zu uns begeben?"
Gest antwortete: "Es kam mir in den Sinn. Ich meinte, von dir einiges Glück
bekommen zu können, weil Ihr mir gegenüber von guten und klugen Menschen
sehr gelobt worden seid."
Der König sagte: "Willst du die heilige Taufe empfangen?"
Gest antwortete: "Darin will ich mich nach Eurem Beschluß richten."
Nun wurde das getan. Der König faßte Zuneigung zu ihm und nahm ihn
in seine Gefolgschaft auf. Gest war ein guter Christ und hielt gut die Sitten
des Königs. Er war auch bei allen Menschen beliebt.
12. Eines Tages fragte der König Gest: "Wie lange
willst du nun leben, wenn du darüber entscheidest?"
Gest antwortete: "Ein kurze Weile von nun an, wenn Gott es will."
Der König sprach: "Was wird geschehen, wenn du nun deine Kerze nimmst?"
Gest nahm nun seine Kerze aus dem Rahmen seiner Harfe. Der König bat, sie
anzuzünden und das wurde getan. Als die Kerze angezündet wurde, brannte
sie schnell nieder.
Der König fragte Gest: "Wie alt bist du?"
Gest antwortete: "Ich bin jetzt dreihundert Jahre."
"Du bist sehr alt", sagte der König.
Dann legte Gest sich nieder. Er bat, ihm die letzte Ölung zu geben. Das
ließ der König tun. Als es verrichtet war, war nur noch wenig von
der Kerze übrig. Die Leute merkten, daß es mit Gest zu Ende ging.
Im selben Moment, als die Kerze erlosch, starb Gest. Allen erschien sein Tod
bemerkenswert. Der König hielt seine Geschichten auch für sehr bedeutend
und sie schienen sein Alter zu bewahrheiten, wie er es gesagt hatte.
[1] Altnordisch gestr bedeutet "Gast" und kann
wie hier auch als Personenname auftreten.
[2] Eine vorläufige, nicht vollständige Taufe, die Heiden zum Umgang mit Christen befähigte.
[3] Im Jahr 974 besiegte Otto II. den dänischen König Harald Blauzahn.
[4] Diese Stelle bezieht sich auf die Geschichte von Helgi Thorisson , die an späterer Stelle in der Flateyjarbók steht.
[5] Von König Half und seinen Kriegern handelt die Vorzeitsaga Hálfs saga ok Hálfsrekka.
[6] Gemeint sind die Alpen.
[7] Rävil ist ein in der Hervarar saga genannter Seekönig. Seine Pferde sind die Schiffe.
[8] Ein Ausdruck für "Krieger".
[9] Ein Ausdruck für "Krieger".
[10] Kuren sind die Bewohner von Kurland, während mit Kvänen wohl die am bottnischen Meerbusen wohnenden Finnen gemeint sind.
[11] Eine Unze entspricht etwa 30 Gramm.
[12] Die Hel ist das Totenreich. Brynhild lenkte offenbar als Walküre den Ausgang der Schlacht.
[13] Von dem berühmten Wikinger Ragnar loðbrok und seinen Söhnen erzählt die Vorzeitsaga Ragnars saga loðbrokar.
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