Verdrängung durch das Christentum

Über die Religion der Germanen wissen wir relativ wenig. Obwohl diese über einen langen Zeitraum hinweg von den germanischen Volksstämmen ausgeübt worden ist, verschwand sie mit der Einführung des Christentums. Da die Christen den alten Glauben nicht tolerieren wollten, wurden germanische Heiligtümer zerstört, wie zum Beispiel die Irminsul, eine einem Gott geweihte, heilige Säule (ihre genaue Beschaffenheit ist nicht geklärt), die Karl der Große 772 nach einem erfolgreichen Feldzug gegen die Sachsen vernichten ließ. Es hat zwar mit Sicherheit germanische Tempel gegeben, doch bis jetzt hat man noch keinen Fund gemacht, der einwandfrei auf einen solchen schließen ließe.
Andere archäologische Funde zeugen aber dennoch vom germanischen Glauben und von religiösen Bräuchen. So hat man beispielsweise Opfergaben wie Waffen oder Tiere in Flüssen und Mooren entdeckt sowie Metallfiguren, die wahrscheinlich Götterbildnisse sind, und andere Kultobjekte, beispielsweise Gefäße. Das Vorhandensein von Grabbeigaben deutet immer darauf hin, daß es sich um ein heidnisches Grab handelt. Reiche Tote wurden in Skandinavien manchmal mit ihrem Schiff beigesetzt, oder man bildete mit Steinen über dem Grab die Form eines Schiffes. Vor allem Brakteaten, einseitig geprägte, metallische Schmuckscheiben, die oftmals mit Runeninschriften oder Abbildungen aus der Mythologie versehen sind, liefern der heutigen Forschung wichtige Informationen.
Doch bei all diesen Funden gibt es ein Problem: Ihre mythologische Deutung. Denn eine Metallfigur kann ohne anderes Hintergrundwissen nicht einem bestimmten Gott zugeordnet werden, ein Schiffsgrab könnte zwar den Glauben symbolisieren, daß der Verstorbene das Schiff für die Reise nach seinem Tod benötigt, es könnte aber auch lediglich eine Repräsentation des gesellschaftlichen Status sein. Und wie ein Kultgegenstand verwendet wurde, läßt sich auf archäologischem Weg nicht erschließen.

Nur weniges der alten Religion hat sich bis heute im Volksglauben erhalten. Dazu zählt die sogenannte niedere Mythologie, also Wesen wie Trolle, Elfen, Zwerge oder Riesen, die noch heute in Märchen und Sagen weiterleben. Manche alte Bräuche werden - auch wenn ihr ursprünglicher Sinn meist weitestgehend verloren ist - noch immer in einigen Regionen ausgeübt. Obwohl die Kirche sich über die Jahrhunderte hinweg alle Mühe gegeben hat, diesen "Aberglauben" auszurotten (mittelalterliche Verbotsschriften beweisen dies), ist ihr eine vollständige Vernichtung alter Vorstellungen nicht gelungen.
Was aber von ganz besonderer Bedeutung ist, um mehr über die Mythologie der Germanen zu erfahren, sind die seltenen schriftlichen Quellen. Solche sind uns fast nur aus dem skaninavischen Raum erhalten, was damit zu erklären ist, daß dort das Christentum erst später und lange Zeit nicht so allumfassend eingeführt wurde wie im restlichen germanischsprachigen Gebiet. Auch wurde lange Zeit nichts schriftlich festgehalten, sondern alles lediglich mündlich überliefert. Aber aus diesen wenigen, heute noch vorhandenen Schriften erst erfahren wir mehr über die religiösen Vorstellungen und auch einige Bräuche. Allerdings sind selbst diese Quellen zu einem Großteil erst nach der Christianisierung entstanden und stellen somit sicherlich nicht alles exakt so dar, wie es in Wirklichkeit war. Zudem waren die religiösen Vorstellungen mit Sicherheit nicht im gesamten germanischen Gebiet gleich; es muß regionale Unterschiede gegeben haben.



Schriftliche Quellen

Die wichtigste erhaltene Quelle über die germanische Mythologie ist die sogenannte Prosa-Edda oder jüngere Edda Snorri Sturlusons. Snorri, der von 1197 bis 1241 in Island lebte, stammte aus der reichsten dort ansässigen Familie. Er war Gelehrter und Politiker und hatte mehrmals das Amt des Gesetzessprechers inne. Seine etwa um 1220 entstandene Snorra-Edda stellt eigentlich ein Lehrbuch für angehende Skalden dar und besteht aus drei Teilen: Im ersten Teil liefert Snorri eine umfangreiche Darstellung der altnordischen Mythologie. Der zweite beschäftigt sich mit den sogenannten Kenningar, in der Skaldendichtung und auch in der Edda häufig vorkommenden Umschreibungen für Ausdrücke, die nur ein Kenner der Mythologie verstehen kann (zum Beispiel "Walvater" anstatt "Odin"). Somit ist auch dieser Teil in mythologischer Hinsicht wertvoll. Im letzten Abschnitt seines Werkes erklärt Snorri anhand von mehr als 100 verschiedenartigen Strophen die komplizierte Metrik der Skaldendichtung. Da Island zu dieser Zeit allerdings schon seit 200 Jahren christlich war, ist es wahrscheinlich, daß Snorri teilweise etwas zu den Texten dazu erfunden hat oder sie seiner Sichtweise angepaßt hat.
Neben der Prosa-Edda gibt es auch die sogenannte ältere oder Liederedda, die lange Zeit fälschlicherweise dem isländischen Gelehrten Saemundr (1056-1133) zugeordnet wurde. Der größte Teil davon, der sogenannte "Codex regius" (dieser befand sich seit 1662 in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen und wurde 1971 an Island zurückgegeben) enthält mehr als 30 Gedichte und Liedfragmente, von denen die meisten aus der Wikingerzeit stammen. Inhaltlich wird die nordische Götterwelt beschrieben und von den Taten großer Könige und Helden berichtet. Zur Liederedda gehören aber auch einige nicht im Codex regius enthaltene, sondern in anderen Manuskripten überlieferte Gedichte, wie zum Beispiel "Baldrs draumar" oder das "Rígsþula". Nach heutigen Erkenntnissen wurde der Codex regius erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfaßt und nicht, wie ursprünglich angenommen, schon vor der Snorra-Edda.

Aus der Wikingerzeit selbst sind uns nur wenige schriftliche Quellen erhalten. Eine davon verfaßte Adam von Bremen, ein christlicher Geistlicher, der um 1076 - zwar nicht wirklich objektiv, aber bemüht - einen heidnischen Tempel in Uppsala beschrieb. Dieser sei mit enorm viel Gold geschmückt und den Göttern Odin, Thor und Freyr geweiht gewesen. Je nach Anlaß habe man dem jeweils zuständigen Gott geopfert, also zum Beispiel Odin, um Kriegsglück zu erlangen. Adam beschreibt auch ein großes Opferfest, von dem ihm berichtet worden war. Es seien zahlreiche Tiere und auch Menschen geschlachtet und in die Bäume in der Nähe des Tempels gehängt worden; außerdem habe man obszöne Lieder dazu gesungen.
Adam geht allerdings davon aus, daß es sich um rein religiöse Veranstaltungen handelte, was mit Sicherheit ein Irrtum ist. Denn zum einen gab es keine reinberuflichen Priester; die Opfer konnte auch ein Dorfältester oder ein König darbringen. Die Goden in Island waren beispielsweise sowohl für geistliche als auch weltliche Belange zuständig. Zum anderen waren derartige Treffen auch immer mit Verwaltungsaufgaben, Rechtssprechung und Ähnlichem verbunden, denn dies war in der damaligen Zeit die einzige Möglichkeit, die Ordnung zu bewahren.

Ein weiterer Geistlicher, der sich bemühte, Wissen über die germanische Religion niederzuschreiben, war der dänische Gelehrte Saxo Grammaticus (ca. 1150-1220). Dieser verfaßte eine sechzehnbändige Geschichte Dänemarks (die "Gesta Danorum") in lateinischer Sprache, in der auch ausführliche Informationen über die alten Mythen vorhanden sind. Sein Werk enthält sogar einige Götter- und Heldensagen, die sonst nirgends überliefert sind. Doch Saxo ging sehr frei mit den ihm vorliegenden Quellen um und schmückte sie fantasievoll aus; Übersetzungsfehler sorgten noch zusätzlich für Verlust der ursprünglichen Bedeutung.

Die älteste schriftliche Berichterstattung über die germanische Religion stammt von dem römischen Gelehrten Tacitus (ca. 55-117 n.Chr.). Dieser verarbeitete in seinen "Annales", "Historiae" und "De origine et situ Germanorum" auch ältere Berichte, vor allem von Caesar und Plinius, wodurch man über das Leben der Germanen zu Beginn der christlichen Zeitrechnung erfährt. Tacitus liefert zwar keine hauptsächliche Beschreibung der religiösen Sitten der Germanen, erwähnt aber einige interessante Details, so zum Beispiel über kultische Handlungen und die Verehrung von heiligen Hainen.



Von der Romantik bis heute

In Deutschland beschäftigte man sich seit der Romantik (etwa von 1800 bis 1830) verstärkt mit germanischer Mythologie, was unter anderem eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte als Reaktion auf die verhaßte napoleonische Fremdherrschaft war. Man versuchte, das "Mystische" in Malerei, Musik und Dichtung zu verarbeiten.
Erwähnenswert ist auch das Werk der Gebrüder Grimm, deren Märchensammlung jedem bekannt sein dürfte. Jakob Grimm begründete aber quasi auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der germanischen Religion, indem er 1835 sein Buch "Deutsche Mythologie" veröffentlichte.
Am berühmtesten aber wurde die Nibelungensage, deren Stoff schon seit 1780 mehrmals künstlerisch bearbeitet worden ist und schließlich durch Richard Wagners "Ring des Nibelungen" unvorhergesehen populär wurde. Wagner hat allerdings die germanische Mythologie sehr eigenwillig interpretiert und die Siegfriedsage beispielsweise durch das Einbringen von Wotan (Odin) in ihren Grundzügen verändert. Leider wirken Wagners Verfälschungen der Nibelungensage noch immer im Bewußtsein der Öffentlichkeit. Zudem wurden Wagners Werke im Nationalsozialismus stark verehrt, was zur heutigen Tabuisierung der germanischen Sagenwelt beiträgt.
Hitler war allerdings nicht nur ein Verehrer Wagners, sondern las auch "Ostara"-Hefte (Ostara ist vermutlich eine germanische Frühjahrsgöttin), die seit 1905 von Adolf Josef Lanz (der sich auch "Lanz von Liebenfels" nannte) herausgegeben wurden und ihren Lesern Ergebnisse der Rassenkunde vermitteln wollte. Beliebt war ebenfalls die Theorie, die "nordische Rasse" stamme von der legendären Insel Thule, die - vergleichbar mit Atlantis - im Meer versunken sei. Alfred Rosenberg, der wichtigste Ideologe der NSDAP, vertrat ebenfalls derartige Ansichten. Die Erforschung germanischer Mythologie wurde im Nationalsozialismus stark gefördert und durch zahlreiche Bücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Mit dem Zusammenbruch des dritten Reiches erfolgte die bereits erwähnte Tabuisierung germanischer Mythologie, die bis heute anhält. Zwar wurde die Forschung fortsesetzt und erbrachte nützliche neue Ergebnisse, doch blieb dies einigen wenigen Wissenschaftlern vorbehalten. Im Allgemeinen wurde und wird dieses Gebiet als ideologisch belastet angesehen, was durch den auffälligen "Kult" heutiger Neonazis noch verstärkt wird. So kann man beispielsweise beim "Patria-Versand" T-Shirts mit der Aufschrift "Odin statt Jesus" oder "Walhalla" bestellen. Die meisten der Rechtsextremen, die sich für Anhänger der germanischen Religion halten, haben jedoch nicht auch nur die geringsten Kenntnisse der Mythologie. Auch die wachsende Zahl derer, die sich heute als Heiden bezeichnen und sich verstärkt mit den alten Naturreligionen beschäftigen, trägt wenig zum Abbau der hartnäckigen Vorurteile bei. Denn obwohl viele sich wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen, scheint es immer noch mehr Personen zu geben, die das Heidentum lediglich als Vorwand zur Verbreitung ihrer rassistischen Ansichten benutzen oder die mit dubiosen Angeboten im Esoterikbereich eine Menge Geld verdienen. Dazu kommen noch Fantasyromane im Stile von Hohlbeins "Midgard", eine lächerliche Vermischung von Begriffen aus der nordischen Mythologie mit den aus der Luft gegriffenen Vorstellungen des Autors.

Die meisten Menschen wissen aber heutzutage überhaupt nichts mehr von den germanischen Göttervorstellungen und den Heldensagen. In der Schule wird dieses Wissen so gut wie gar nicht vermittelt; die Schwerpunkte liegen vielmehr auf antiker griechischer und römischer Mythologie. Die bereits genannten Gründe kommen gerade recht, um die germanische Mythologie zu verdrängen und in Vergessenheit geraten zu lassen.
Doch auch immer mehr Menschen interessieren sich vorurteilsfrei für die faszinierende Welt, die sich uns in den Götter- und Heldensagen der Germanen darbietet. Wir sollten uns die Beschäftigung damit nicht durch "political correctness" oder esoterischen Blödsinn zunichte machen lassen. Die germanische Mythologie ist es wert, sich mit ihr zu befassen; wir dürfen diese vielfältige und interessante Vorstellungswelt nicht verloren gehen lassen.